{"id":2742,"date":"2023-07-21T12:00:50","date_gmt":"2023-07-21T12:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/sofa-ms.de\/?p=2742"},"modified":"2023-07-24T20:20:06","modified_gmt":"2023-07-24T20:20:06","slug":"rezension-das-unheimliche-element-h-hamm-und-das-wunder-von-gorleben-w-ehmke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sofa-ms.de\/?p=2742","title":{"rendered":"Rezension &#8222;Das unheimliche Element&#8220; (H. Hamm) und &#8222;Das Wunder von Gorleben&#8220; (W. Ehmke)"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ohne das Ziel, Atombomben zu bauen, w\u00e4re der Abbau von Uran wahrscheinlich nie vorangetrieben worden.&#8220; Dieser zentrale Satz in Horst Hamms Buch &#8222;Das unheimliche Element&#8220; bringt den Ausl\u00f6ser der Atomenergienutzung auf den Punkt. Sie spiegelt das wider, was Frankreichs Pr\u00e4sident Macron vor einigen Jahren vor Angestellten einer Atomfabrik so pr\u00e4gnant zusammenfasste: &#8222;Ohne die zivile Atomkraftnutzung g\u00e4be es keine milit\u00e4rische, ohne milit\u00e4rische Atomkraftnutzung keine zivile.&#8220; Das erinnert an die tragische Geschichte der ersten Atombombenabw\u00fcrfe \u00fcber Hiroshima und Nagasaki mit zusammen mehr als 200 000 Opfern. Atomkraft wurde entwickelt, um gef\u00e4hrlich zu sein. Darum geht es ja auch in dem aktuellen Film &#8222;Oppenheimer&#8220;.<\/p>\n<p>Alle anderen Argumente, wie &#8222;billige Energie&#8220; oder in letzter Zeit auch &#8222;Klimarettung&#8220;, wurden im Laufe der Zeit nachgeschoben, um die Atomkraftnutzung \u00f6ffentlich zu rechtfertigen. Es ist das Verdienst von Hamm, die Kernpunkte bei der Atomkraftdebatte immer wieder klar auf den Punkt zu bringen und dabei auf 240 Seiten kompakt und verst\u00e4ndlich die gr\u00f6\u00dften Probleme der Atomenergie anzusprechen.<\/p>\n<p>Sein Ansatz ist es, &#8222;die Geschichte des Urans zwischen vermeintlicher Klimarettung und atomarer Bedrohung&#8220; auszuleuchten. Dazu nimmt er die Leser:innen kenntnisreich mit auf eine Reise um den Globus \u2013 in die Uranabbaugebiete des Niger, in den Westen der USA, wo zahlreiche Atombombentests stattfanden, nach Tschernobyl und Fukushima, wo die bislang schwersten Atomunf\u00e4lle das Vertrauen in die Beherrschbarkeit der Atomenergie ersch\u00fctterten, bis in die Forschungslabore der Atomlobby, die immer weiter ihre unrealistischen Hoffnungsstorys vom Erl\u00f6ser Atomenergie spinnen.<\/p>\n<p>Der Umweltjournalist Hamm arbeitet bei der Nuclear Free Future Foundation auch federf\u00fchrend an der Weiterentwicklung des wichtigen &#8222;Uranatlas&#8220;, zu dem auch das Aktionsb\u00fcndnis M\u00fcnsterland gegen Atomanlagen einen Beitrag leistet (https:\/\/www.nuclear-free.com\/uranatlas.html). Aus der internationalen Arbeit am Uranatlas zeigt Hamm anschaulich am Beispiel des Niger, aber auch des Kongos und S\u00fcdafrikas, die koloniale Ausbeutung der weltweiten Uranabbaugebiete auf. Uranabbau und auch die Atombombentests betrafen und betreffen vor allem die Lebensr\u00e4ume indigener V\u00f6lker. Wer heute Klimagerechtigkeit fordert, kann diese krasse Ausbeutung nicht ignorieren, da sie enorme Umwelt- und Gesundheitssch\u00e4den verursacht sowie schwere Menschenrechtsverletzungen mit sich bringt. Hamm geht auch auf die atomaren Abr\u00fcstungsfragen ein, die er nach dem \u00dcberfall Russlands auf die Ukraine skeptisch beurteilt. Der m\u00f6gliche Einsatz von Atomwaffen war seit dem Ende des Kalten Kriegs nicht mehr so oft in den Schlagzeilen.<\/p>\n<p>Aber Atomkraft spielt auch in Deutschland nach der Abschaltung der letzten AKWs noch eine wichtige Rolle: Ein ausf\u00fchrlicher Abstecher zur Urananreicherungsanlage Gronau und zur Brennelementefabrik in Lingen verdeutlicht, wie stark Deutschland weiterhin im internationalen Atomgesch\u00e4ft verankert bleibt \u2013 und dabei auch weiterhin mit dem russischen Atomkonzern Rosatom Gesch\u00e4fte macht, obwohl dieser z. B. das milit\u00e4risch besetzte ukrainische AKW Saporischschja f\u00fcr den Kreml verwaltet.<\/p>\n<p>Vom &#8222;Klimaretter&#8220; Atomkraft bleibt auch nicht viel \u00fcbrig, auch nicht von den neuen AKW-Generationen oder den kleineren Modulreaktoren. Hamms Fazit: &#8222;Kernenergie ist und bleibt eine Hochrisikotechnologie, im zivilen wie im milit\u00e4rischen Bereich.&#8220; Er fordert deshalb die sofortige Beendigung des Atomzeitalters \u2013 ein sehr lesenswertes Buch!<\/p>\n<p>Aus einer ganz anderen Richtung n\u00e4hert sich Wolfgang Ehmke, der langj\u00e4hrige Sprecher der BI Umweltschutz L\u00fcchow-Dannenberg, der Atomfrage. In seinem Buch &#8222;Das Wunder von Gorleben&#8220; skizziert er den 45-j\u00e4hrigen Kampf gegen das einstige Flaggschiff-Projekt der Atomindustrie und mehrerer Bundesregierungen, das Endlager-Projekt im Salzstock von Gorleben. Ehmke war immer dabei und hat den Widerstand vor Ort oftmals nach au\u00dfen vertreten \u2013 immer sachkundig, ruhig im Ton, aber sehr entschlossen.<\/p>\n<p>Wie hoch er den endg\u00fcltigen Ausstieg aus diesem politisch gewollten, aber sachlich niemals begr\u00fcndeten Gorleben-Projekt bewertet, macht schon der Titel deutlich. Das &#8222;Wunder&#8220; fiel aber nicht vom Himmel, sondern wurde von Zehntausenden Menschen durch unz\u00e4hlige Proteste hart erk\u00e4mpft \u2013 und letztlich stehen doch \u00fcber 100 Castoren mit hochradiaoaktivem Atomm\u00fcll im 1995 er\u00f6ffneten Zwischenlager. Das &#8222;Wunder&#8220; kam nicht ohne Preis.<\/p>\n<p>Und die sichere Entsorgung von Atomm\u00fcll ist weltweit weiterhin ungel\u00f6st \u2013 ein mehr als 75-j\u00e4hriger Flug ohne Landebahn. Wichtig deshalb Ehmkes Blick zum desastr\u00f6sen Atomm\u00fcllager Asse II, zum von der DDR \u00fcbernommenen Endlager Morsleben sowie zum seit 40 Jahren h\u00f6chst umstrittenen Endlagerprojekt Schacht Konrad f\u00fcr mittel- und schwachradioaktiven Atomm\u00fcll. Das ehemalige Bergwerk soll Ende der 20er-Jahre in Betrieb gehen, w\u00e4re aber nach dem jetzigen Stand von Wissenschaft und Technik l\u00e4ngst nicht mehr genehmigungsf\u00e4hig. Das Versprechen von 1 Mio. Jahre Sicherheit bei der Atomm\u00fcllentsorgung wird letztlich aus Kostengr\u00fcnden immer kleiner gerechnet \u2013 auf Kosten k\u00fcnftiger Generationen. Auch hier w\u00e4re ein Neuanfang vor einer &#8222;wei\u00dfen Karte&#8220; dringend geboten.<\/p>\n<p>Auch Ehmke greift weiter aus \u2013 er erinnert an die Geschichte der Atomenergienutzung in Deutschland und ordnet Gorleben hier ein. Unvergessen im M\u00fcnsterland ist z. B. Ehmkes Ank\u00fcndigung live in den Abendnachrichten w\u00e4hrend des Castor-Transports 1997, den Widerstand nun zum Zwischenlager Ahaus zu tragen, um dort den n\u00e4chsten Castor zu verhindern. Damit schuf er eine der Grundlagen, die den Ahaus-Castor 1998 zu einem der gr\u00f6\u00dften Polizeieins\u00e4tze in NRW werden lie\u00dfen und Ahaus auf lange Sicht als bundesweit &#8222;zentrales&#8220; Zwischenlager verbrannte.<\/p>\n<p>Der Untertitel des Buches weist zudem in eine aktuelle Richtung: &#8222;Der Beitrag des Wendlands zur Energiewende.&#8220; Genau wie Hamm widmet er diesem Teil auf seinen kompakten 154 Seiten breiten Raum. Denn der Widerstand gegen die Atomenergie war von Beginn an auch mit dem Drang zur Entwicklung der Erneuerbaren Energien verbunden. Der Protest in Gorleben oder auch im badischen Wyhl gab dazu entscheidende Impulse. Kaum noch vorstellbar ist, wie hart der Bau der ersten Windr\u00e4der in der alten Bundesrepublik gegen ablehnende B\u00fcrokratien und Landesregierungen durchgerungen werden musste. Wer Atomkraft bef\u00fcrwortete, war zumeist auch Gegner der Erneuerbaren, denn die Erneuerbaren haben der Atomkraft das Wasser abgegraben. Es ist deshalb wohl auch kein Zufall, dass ein Atomland wie Frankreich (oder auch Bayern) bei den Erneuerbaren so hinterherhinkt.<\/p>\n<p>Ehmkes Reise durch 45 Jahre Widerstand in Gorleben macht deutlich, wie hartn\u00e4ckig eine politische Graswurzel-Bewegung sein muss, um letztlich Erfolg zu haben. \u00dcbertragen auf die heutige Klimabewegung ist aber klar, dass wir schlicht nicht mehr die Zeit haben, nochmal 45 Jahre um Kohle, Gas und \u00d6l zu ringen. Alle Argumente sind bekannt, es gibt keinen Planeten B. Wer aus Gorleben lernen will, muss jetzt bei der Energiewende endlich auf die Tube dr\u00fccken. Doch die aktuelle Politik in Berlin und bei vielen der alten Konzerne und Parteien verhei\u00dft nichts Gutes: Abriss von L\u00fctzerath, Konzentration auf LNG-Fl\u00fcssiggas, Einkauf von Kohle aus S\u00fcdafrika oder Kolumbien, kein Tempolimit auf Autobahnen \u2013 und das ist nur der deutsche Beitrag zur Klimapolitik.<\/p>\n<p>Hamm und Ehmke verbinden die Atomkraft mit diesen aktuellen Debatten. Deswegen sind ihre B\u00fccher wertvolle Beitr\u00e4ge. Ehmkes Buch soll im Herbst sogar schon in der zweiten Auflage erscheinen. Hamms Buch wurde aktuell als &#8222;Wissensbuch des Jahres&#8220; nominiert.<\/p>\n<p>Horst Hamm: Das unheimliche Element. Oekom 2023, www.oekom.de.<\/p>\n<p>Wolfgang Ehmke: Das Wunder von Gorleben, K\u00f6hring 2022, https:\/\/www.bi-luechow-dannenberg.de\/produkt\/das-wunder-von-gorleben\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ohne das Ziel, Atombomben zu bauen, w\u00e4re der Abbau von Uran wahrscheinlich nie vorangetrieben worden.&#8220; Dieser zentrale Satz in Horst Hamms Buch &#8222;Das unheimliche Element&#8220; bringt den Ausl\u00f6ser der Atomenergienutzung auf den Punkt. 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