Urananreicherungsanlage Gronau

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Geschichte der Urananreicherungsanlage Gronau
Urananreicherung – zivil und militärisch:
Uranmüll
Der Betreiber Urenco
Urantransporte
Protest und Widerstand
Aktuell und Ausblick

Geschichte:

Die Standortentscheidung für den Bau der bundesweit einzigen Urananreicherungsanlage (UAA) in Gronau fiel Ende der 1970er. In Betrieb ging die UAA 1985 mit einer sehr kleinen Kapazität – und weitgehend im Windschatten von damals sehr viel größeren Atomprojekten wie Wackersdorf, Brokdorf und Gorleben. Durch mehrere Ausbaugenehmigungen hat die UAA Gronau inzwischen jedoch eine Kapazität von 4100 Tonnen Urantrennarbeit pro Jahr – damit kann aus Gronau rund jedes 10. AKW weltweit mit angereichertem Uran zur Brennelementefertigung versorgt werden!

Die letzte Ausbaugenehmigung für die Betreiberfirma Urenco gab es 2005 unter der damaligen rot-grünen Landesregierung. Genehmigt ist danach eine Kapazität von 4500 Tonnen Urantrennarbeit pro Jahr, zudem wurde der Bau einer Uranmüll-Lagerhalle für 60 000 Tonnen Uranoxid genehmigt. Daneben gibt es ein Freilager – tatsächlich unter freiem Himmel – für bis zu 50 000 Tonnen Uranhexafluorid.

Die Urananreicherung in vom Atomausstieg in Deutschland bislang ausgenommen – und darf deshalb bislang zeitlich unbefristet weiterlaufen!

Urananreicherung – zivil und militärisch:

Die Urananreicherung hat sowohl eine zivile wie militärische Dimension. Zivil wird hier Natururan in Form von gasförmigem Uranhexafluorid (UF6) soweit angereichert, dass daraus Brennelemente für den AKW-Betrieb hergestellt werden können. Denn nur ein geringer Teil des natürlichen Urans ist für den Einsatz in AKW geeignet: Bei der Anreicherung wird der Anteil des spaltbaren Uran-235 von ca. 0,7% auf ca. 3-5% erhöht. Ein kleiner Teil des angereicherten Urans wird im benachbarten Lingen (Emsland) in einer Brennelementefabrik von Areva zu Brennelementen verarbeitet. Der wesentlich größere Teil wird aus Gronau direkt exportiert, u. a. nach Großbritannien und Frankreich, in die USA sowie nach Schweden, Südkorea, China und Brasilien. Bis 2011 war auch der Fukushima-Betreiber Tepco ein wichtiger Kunde. Seit 2016 ist auch die Ukraine als neuer Kunde hinzugekommen.

Uranhexafluorid (UF6) ist ein chemisch äußerst aggressiver Stoff, der schon bei Berührung mit Luftfeuchtigkeit tödliche Flusssäure bildet. Deshalb sind Transport und Verarbeitung schon aus chemisch-toxischer Sicht besonders gefährlich.

Unter militärischen Gesichtspunkten ist die für die Urananreicherung verwendete Zentrifugentechnologie „der einfachste Weg zur Atombombe“, so der Chef der Entsorgungskommission der Bundesregierung, Michael Sailer. Dazu muss lediglich der Anteil des spaltbaren Uran-235 noch weiter erhöht werden, also stärker angereichert werden. Ein Diebstahl bei Urenco in Almelo durch den pakistanischen Atomwissenschafter Dr. Khan führte in den 1970ern dazu, dass zunächst Pakistan und später auch Iran und Nordkorea in den Besitz der Zentrifugentechnologie gerieten. Khan wurde so zum „Vater der pakistanischen Atombombe“.

Uranmüll:

Bei der Urananreicherung fällt in großem Maßstab abgereichertes UF6 als Atommüll an, allein in Gronau jedes Jahr mehrere Tausend Tonnen. Um eine sichere Entsorgung zu umgehen, wurde das abgereicherte UF6 von Urenco und der Bundesregierung bislang als „Wertstoff“ eingestuft, weil theoretisch eine Wiederverwendung durch erneute Anreicherung möglich ist – diese passiert faktisch aber nicht. Deswegen gehen Anti-Atom-Initiativen seit Jahren davon aus, dass es sich um Atommüll handelt und auch so behandelt werden muss. In anderen Ländern wird das abgereicherte Uran genutzt, um daraus Panzer- und Bunkerbrechende Munition herzustellen. Dadurch kommt es in Kriegsgebieten zu einer radioaktiven Kontamination.

Zwischen 1995 und 2009 wurde das gesamte abgereicherte Uran aus Gronau (und der Nachbaranlage Almelo in den Niederlanden) nach Russland zur zeitlich unbegrenzten Lagerung exportiert. Allein aus Gronau handelte es sich nach Angaben der Bundesregierung um rund 27 000 Tonnen.

Durch jahrelange gemeinsame Proteste von russischen, niederländischen und deutschen Anti-Atom-Initiativen konnte dieser Atommüll-Export letztlich erfolgreich gestoppt werden.

Seither soll das abgereicherte Uran aus Gronau in Gronau selbst als chemisch weniger aggressives Uranoxid (U308) – zeitlich unbefristet – in einer neuen eigens dafür errichteten Lagerhalle dauergelagert werden. Dazu wurde das abgereicherte Uran bislang in Pierrelatte in Südfrankreich in Uranoxid umgewandelt, ab 2017/18 soll diese Umwandlung in einer neuen „Dekonversions“-Anlage von Urenco im britischen Capenhurst stattfinden. Bis dahin lagern wachsende Mengen Uranhexafluorid unter freiem Himmel in Gronau.

Die neue Uranoxid-Lagerhalle soll nach bisherigem Stand bis Mitte 2017 in Betrieb gehen. Sie ist z. B. nicht gegen Flugzeugabstürze gesichert und die Lagerung soll zeitlich unbefristet erfolgen. Anti-Atom-Initiativen befürchten deshalb die Entstehung eines oberirdischen Endlagers in Gronau.

Nach Angaben der Bundesregierung reicht die Lagerkapazität der Uranoxid-Halle zudem „nur“ für zehn Betriebsjahre der UAA, sodass bei Weiterbetrieb der UAA schon bald der Bau einer zweiten Lagerhalle beantragt werden müsse.

Der Urenco-Konzern:

Der multinationale Urenco-Konzern wurde 1971 mit dem Vertrag von Almelo gegründet. Er gehört zu jeweils einem Drittel dem britischen und niederländischen Staat, das deutsche Drittel teilen sich EON und RWE zu gleichen Teilen. Die Bundesregierung besitzt nach dem Vertrag von Almelo weitgehende Mitsprache- und Kontrollrechte bei Urenco, schon allein aufgrund der militärischen Brisanz der Technolgie.

Urenco betreibt insgesamt vier Urananreicherungsanlagen: in Gronau, in Almelo (Niederlande), Capenhurst (Großbritannien) und Eunice (New Mexico/USA). Zusammen beliefert Urenco nach eigenen Angaben ein Drittel des Weltmarktes. Insgesamt verfügt Urenco nach eigenen Angaben über rund 50 Kunden in 19 Ländern. Dazu zählen derzeit u. a. der Betreiber der belgischen Schrottreaktoren sowie seit 2016 auch die Ukraine. Bis 2011 wurde auch der japanische Fukushima-Betreiber Tepco beliefert.

Seit 2005 betreibt Urenco gemeinsam mit Areva das Joint-Venture ETC – die Enrichment Technology Company erforscht und baut die militärisch brisanten Zentrifugen für die Urananreicherung und ist auch für den (Aus-)Bau der Urananreicherungsanlagen zuständig. Die Zentrale der ETC befindet sich unmittelbar neben dem Forschungszentrum Jülich.

2011 bekundeten EON und RWE den Wunsch, ihre Urenco-Anteile zu verkaufen. Auch die britische Regierung möchte ihren Anteil privatisieren. Die niederländische Regierung war eher schwankend in ihren Absichten. Für den Verkauf war sowohl ein Privatverkauf wie auch ein Börsengang im Gespräch. Anti-Atom-Initiativen kritisierten die Verkaufspläne vehement, weil sie zu einer Weiterverbreitung der militärisch brisanten Urananreicherungstechnologie führen würden. Bislang ist aufgrund dieser politisch enorm bedeutsamen Problematik aus dem Verkauf nichts geworden, der Börsengang wurde 2016 abgesagt.

2016 machte der Urenco-Konzern auch erstmals seit mehr als zehn Jahren einen Halbjahresverlust aus.

Urantransporte:

Für den Betrieb der Urananreicherungsanlage Gronau sind im Schnitt alle zwei Tage ein LKW-Transport mit UF6 sowie alle zwei Wochen ein Uranzug notwendig. Diese Urantransporte fahren im Allgemeinen völlig ungesichert und geheim. Die LKWs rollen im Allgemeinen im normalen Autobahnverkehr, die Uranzüge fahren im normalen Bahnverkehr, tagsüber wie nachts. UF6 ist chemisch jedoch äußerst gefährlich, weil schon die Berührung mit Luftfeuchtigkeit zur Bildung von tödlicher Flusssäure führen kann.

Die rot-grüne NRW-Landesregierung weigerte sich nach 2010 beharrlich, einen Stopp der Urantransporte zu verfügen oder auch nur eine Begrenzung oder bessere Sicherung herbeizuführen.

Protest und Widerstand:

Schon von Anfang gab es immer wieder Proteste gegen die UAA, juristisch wie auf der Straße. Rückgrat der Proteste ist der seit 1986 jeden ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr stattfindende Sonntagsspaziergang an der UAA. Allerdings gestaltete sich effektiver politischer Widerstand schwierig, weil die diversen rot-grünen Landesregierungen in NRW dem Betreiber Urenco für alle Bauvorhaben immer wieder grünes Licht gaben.

Nach dem erfolgreichen Protest gegen die Castor-Transporte nach Ahaus in 1998 gab es jedoch verstärkt auch Proteste gegen die Urantransporte von/nach Gronau. Diese führten in 2006 zum Beginn einer gemeinsamen russisch-niederländisch-deutschen Kampagne zum Stopp der Uranmüllexporte von Gronau nach Russland, die über die Häfen von Rotterdam und St. Petersburg abgewickelt wurden. Besonders spektakulär war eine Abseilaktion bei Metelen im Münsterland vor einem Uranmüllzug nach Russland im Januar 2008.

Damit verbunden geriet auch die Beteiligung und Verantwortung der deutschen Urenco-Miteigentümer EON und RWE wesentlich stärker in den Fokus. Anti-Atom-Initiativen sind seither regelmäßig auf den Jahreshauptversammlungen der beiden Atomkonzerne zu Urenco aktiv.

In 2009 wurden die Uranmüllexporte nach Russland endlich eingestellt.

In 2011 fand die bislang größte Anti-Atom-Demo in Gronau mit 15 000 Menschen statt. Seither gab es mehrere größere Demos, regelmäßig Ostermärsche und Mahnwachen, aber auch diverse Blockaden der UAA sowie Sommercamps und Aktionen gegen Urantransporte.

Aktuell und Ausblick:

Da die Urananreicherung bislang vom Atomausstieg komplett ausgenommen worden ist, gibt es bislang kein Stilllegungsdatum für die UAA Gronau.

Die 2010 und 2012 gewählte rot-grüne NRW-Landesregierung schrieb zwar in ihren Koalitionsverträgen eine „rechtssichere Stilllegung“ der Urananreicherung in Gronau fest, leitete bis 2016 jedoch keine konkrete Maßnahme dazu ein. Die Bundesregierung weigerte sich bis 2016 sogar, über eine Stilllegung auch nur zu reden.

2016 gab es im Sommer jedoch auf Initiative des NRW-Umweltministers Remmel (Grüne) einen einstimmigen Beschluss der Landesumweltminister zur Beendigung von Urananreicherung und Brennelementefertigung in Deutschland. Daraufhin signalisierte Bundesumweltministerin Hendricks (SPD) erstmals Gesprächsbereitschaft, um über die Stilllegung der UAA zu verhandeln. Die Gespräche zwischen Bund und NRW begannen im Herbst 2016 – konkrete Ergebnisse liegen bislang noch nicht vor.

Dafür möchte Urenco noch im ersten Halbjahr 2017 die neue Uranoxid-Lagerhalle in Gronau in Dauerbetrieb nehmen. Ursprünglich war die Inbetriebnahme schon 2014 geplant, jedoch aus undurchsichtigen Gründen seitens der Urenco mehrfach verschoben worden. Erste Uran-Einlagerungen seien laut Urenco jedoch erst 2019 geplant. Weil die Einlagerung des Uranoxids jedoch laut Genehmgigung von 2005 zeitlich unbefristet erfolgen soll, befürchten die Anti-Atom-Initiativen die Entstehung eines oberirdischen Endlagers in Gronau.

Zudem ist bei Weiterbetrieb der UAA innerhalb der nächsten Jahre mit dem Bau einer zweiten Uranoxid-Lagerhalle in Gronau zu rechnen, weil die jetzige Lagerhalle nach Angaben der Bundesregierung „nur“ zur Lagerung des Uranmülls aus zehn Betriebsjahren reicht.

Stand: Februar 2017